Ersatz-Opa…

Da kommt doch unsere (bis dato) Lieblingsnachbarin, mittlerweile schon mehr Freundin, freudestrahlend über unsere Terrasse und ruft: „Hallo, ist jemand da?“

Anita und ich kommen aus den hinteren Gefilden unserer Wohnung herangerauscht – wieso kommt hier jemand über die Terrasse, Einbrecher…??? – Nee, Diana!

Ich frage: „Na, willst du ein Käffchen?“

„Nein, ich wollte nur mal kurz reinkommen, weil ich mich so freue.“

„Was ist los, hast du hast im Lotto gewonnen?“ Ich denke schon an eine große Party.

„Nein.“ Sie druckst ein bisschen rum, kommt dann aber mit der Sprache heraus und sagt mit den glücklichsten Augen der Welt: „Ich bin schwanger!“

„Eeeeeiiiiihhhh, das ist ja super“ platzen Anita und ich gleichzeitig heraus, freuen uns für sie und Manu und umarmen sie. 

Es ist sehr schön, jemanden so glücklich zu sehen. Und ich denke nun doch wieder an eine schöne Party, weil die beiden ja noch nicht verheiratet sind. Aber damit wollen sie noch warten – Mist, doch keine Party.

Wir sprechen über das Kinderzimmer, was es wird (Mädchen, oder Junge), über die Zukunft, halt über alles, was einem so einfällt.

Und dann kommt es plötzlich, unerwartet und hammerhart. Sie sagt doch tatsächlich zu mir – haltet euch fest – „Du wärst ein toller Ersatz-Opa“…

Ich fasse es nicht. Das glaube ich jetzt nicht. E-R-S-A-T-Z- OPA.

Das Wort Ersatz ist schon schlimm, aber OPA. Wie soll ich denn schon ein OPA sein. Ich bin gerade mal 63 geworden. Die spinnt wohl – sage ich mir – und kündige ihr innerlich schon mal die Freundschaft. So geht das nicht. Wir sind miteinander befreundet, wir waren vor kurzem noch zu deinem 31. Geburtstag mit vielen jungen Leuten dabei, waren integriert – und keiner hat uns Oma oder Opa genannt.

Nee Diana, so geht das nicht. Das ist gemein, das ist nicht fair. Es gehört sich einfach nicht, mir so die Keule zu geben.

Ich schmolle, lasse es mir aber natürlich nicht anmerken. 

Aber ich würde ja nicht darüber schreiben, wenn mir dazu nicht mehr einfallen würde als zu schmollen.

Anita und ich haben keine Kinder. Keine Kinder heißt natürlich auch keine Enkel, keine Nachkommen. Nach uns ist der Stammbaum sozusagen abgestorben. Meinem Bruder und seiner Frau geht es ebenso. Und unsere Frauen haben keine Geschwister, da ist dann auch die Stammbaum-Krone erreicht.

Nach diesem Treffer von Diana gehe ich in mich und lasse noch einmal meine Kindheit, meine Jugend, meine Pubertät, meine Sturm-, und Drangzeit, meine Heirat, mein Leben mit Anita und mein jetziges Leben Revue passieren. 

Vieles ist sehr präsent, einiges blitzt plötzlich auf, anderes ist irgendwo kurz vor dem Nebel des Vergessens noch greifbar, anderes ist einfach weg. 

Und ich denke so: Hmmm, du hast ja schon ein ziemlich langes Leben hinter dir. Du hast eine altersabhängige Lebenserfahrung. Oh Gott, altersabhängig. Wie alt bin ich denn? Naja, eben doch schon 63! Aber so, wie ich aussehe und wie ich mich fühle und wie ich bin – das ist doch wirklich kein Alter um OPA zu sein.

Oder vielleicht doch?

Meine Opas habe ich leider nicht kennengelernt. Der eine (mütterlicherseits) starb schon lange vor meiner Geburt im 1. Weltkrieg. Er hat sehr schöne Bilder in seiner Freizeit gemalt, und ich schätze, dass ich einen ziemlich großen Batzen seiner künstlerischen Gene geerbt habe. Und den anderen habe ich leider auch nie kennengelernt, da war die ganze Familie irgendwie sehr wenig präsent. Wie schade. Aber in den Nachkriegszeiten (dem 2. Weltkrieg) war alles schwierig, alle waren mit sich selbst beschäftigt. Und es waren halt sehr bewegte Zeiten, in denen alles sehr viel anders war als heute. 

Ich hätte gern Opas und Omas gehabt. Ich hätte mich gern geborgen gefühlt, mich mit älteren Menschen gut unterhalten, deren Welt kennengelernt und wäre gern ein Teil ihres ereignisreichen Lebens  gewesen. Was müssen die alles erlebt haben, und ich hab` nix davon mitgekriegt. Sehr schade.
Oha, nach diesen Zeilen werde ich wohl eine schlaflose Nacht haben…

Aber zurück zu Diana und Manu, dem ungeborenen Kind und dem Ersatz-Opa.

Vielleicht ist Opa sein doch gar nicht soooo schlimm, wie ich es mir vorstelle. Vielleicht wäre ich ja ein ganz guter Opa und Anita eine supertolle Oma? Vielleicht könnten wir das ja mal ausprobieren. Vielleicht kann ich einen Teil meines Wissens, einen Teil meines Lebens und meiner Erfahrung doch nochmal weitergeben. Schließlich sind Diana und Manu uns doch ans Herz gewachsen. Aber sie sind ja nicht unsere Kinder – „nur“ Freunde. 

Sie hat es aber nun mal gesagt! Und gesagt ist gesagt! Oder?

Liebe Diana, natürlich bin ich dir nicht böse für den Ersatz-Opa, natürlich schmolle ich nicht, natürlich kannst du immer zu uns kommen, natürlich sind wir für euch da, natürlich wäre ich doch ganz gern Ersatz-Opa, natürlich wäre ich noch lieber richtiger Opa. 

Also, ich bin noch zu haben, und für eine Opa-Adoption ist es nie zu spät…

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