Entbehrlich
Aus Facebook geklaut und ich weiß leider nicht, wer es geschrieben hat…
Warum man den Bodensee aus Berlin so sehen kann – und warum wir ihn aus Erfahrung anders erleben.
In den vergangenen Tagen hat uns eine Kolumne aus Berlin beschäftigt. Erschienen in der taz, ironisch zugespitzt, mit bewusstem Reizpunkt. Der Bodensee, so die These, sei entbehrlich. Ein großes Wort, beiläufig formuliert, aber wirkungsvoll.
Kurz darauf hat sich auch die Schwäbische Zeitung mit dem Text auseinandergesetzt. Kollege Stefan Fuchs hat eingeordnet, widersprochen, argumentiert. Regional verwurzelt, ohne Schaum vor dem Mund. Genau so, wie man es sich im journalistischen Miteinander wünscht.
Und wir?
Wir sind keine Redaktion im klassischen Sinn. Wir sind eine große Bodensee-Community. Menschen, die hier leben, arbeiten, ankommen, wiederkommen. Deshalb reagieren wir nicht reflexhaft. Aber wir reagieren.
Denn das Wort „entbehrlich“ bleibt hängen.
Entbehrlich meint nicht nebensächlich, sondern verzichtbar. Etwas, das man weglassen kann, ohne dass etwas fehlt. Und genau hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Nicht, um zu widersprechen, sondern um einzuordnen.
Der Bodensee ist kein Ort, der sich aufdrängt. Er will kein Zentrum sein. Er wirbt nicht um Aufmerksamkeit. Er liegt da, seit Jahrtausenden, und verbindet ganz nebenbei drei Länder, Kulturen, Wirtschaftsräume, Lebensentwürfe. Nicht spektakulär, sondern zuverlässig.
Vielleicht wirkt er aus der Ferne deshalb verzichtbar. Weil er nichts fordert. Keine Haltung, kein Statement, keinen dauernden Beweis von Relevanz.
Natürlich kann man sagen, der See trennt. Städte, Regionen, Menschen. Man kann aber auch sagen, er verbindet. Mit Fähren, Pendelwegen, Arbeitsplätzen, Alltagen. Mit Gewohnheiten, die funktionieren, ohne Schlagzeile zu sein.
Und ja, der Nebel. Der berühmte Bodensee-Nebel. Er kommt vor. Er bleibt manchmal hartnäckig. Er nimmt der Welt die Konturen und macht sie leiser. Wer darin nur einen Mangel sieht, übersieht vielleicht, dass Stille kein Defizit ist, sondern eine Qualität.
Gestern saß jemand am Ufer. Berliner Kennzeichen am Auto, Thermobecher in der Hand. Er schaute eine Weile aufs Wasser und sagte dann:
„Eigentlich wollte ich heute viel erledigen. Jetzt sitze ich halt hier.“
Das ist kein Argument.
Aber es ist eine Erfahrung.
Und vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Distanz und Nähe. Der Bodensee erklärt sich nicht. Er argumentiert nicht. Er ist einfach da. Und erlaubt es, für einen Moment ebenfalls einfach da zu sein. Ohne Diskurs, ohne Rolle, ohne Anspruch.
Was uns an der Berliner Perspektive schmunzeln lässt, ist nicht der Spott, sondern der Standort. Berlin ist eine faszinierende Stadt. Kreativ, politisch, international, voller Energie. Eine Stadt, die viel denkt und viel aushält. Eine Stadt, die – ironisch gesprochen – erstaunlich fehlerfrei ist.
Gleichzeitig ist der Bodenseeraum wirtschaftsstark, innovativ, international vernetzt. Industrie, Forschung, Mittelstand, Tourismus, Lebensqualität. Drei Länder, kurze Wege, lange Perspektiven. Kein Zufall, sondern gewachsen. Still, aber wirksam.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Der Bodensee ist kein Ort, der sein Gewicht ständig betonen muss. Er funktioniert. Er trägt. Er verbindet. Und er muss niemandem beweisen, dass er gebraucht wird.
Und vielleicht noch ein Gedanke zum Schluss, ganz kollegial. In Zeiten wie diesen, in denen vieles auseinanderzieht und Regionen gern gegeneinander gelesen werden, täte manchmal ein wenig mehr Zusammenhalt gut. Nicht im Sinne von Einigkeit, sondern von Respekt für unterschiedliche Lebensräume und Blickwinkel.
Kolumnen dürfen provozieren. Sie dürfen zuspitzen. Aber sie sollten auch bedenken, aus welcher Höhe sie schreiben. Aus der Distanz wirkt manches entbehrlich, was für andere Menschen Alltag, Heimat und wirtschaftliche Realität ist. Zumal es vor der eigenen Haustür genug Themen gäbe, die Aufmerksamkeit verdienen.
Wir nehmen das nicht übel. Wirklich nicht.
Wir wollten es nur einordnen. Gemeinsam mit der Region. Und mit unserer Community.
Vielleicht ist der Bodensee entbehrlich, wenn man ihn nur aus der Ferne betrachtet.
Aus der Nähe ist er vor allem eines: stabil, schön, international – und erstaunlich gelassen.
Mehr See geht nicht.
Und manchmal ist genau das der größte Luxus.