Uli

Wir stehen hier in der Mitte von vielen Menschen. Wir haben die Angehörigen begrüßt und sind dann einfach stehen geblieben, als diese zu Ihren Sitzplätzen gehen. 

Als die Trauerrede losgeht, sage ich mir „es steht mir doch eigentlich gar nicht zu, hier so in der Mitte dieser Menschen zu stehen“. Und ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Ich habe das seltsame Gefühl, dass mich alle ansehen. 

Wenn mich jetzt alle anschauen, kann ich doch meinen Gefühlen nicht einfach freien Lauf lassen und drauflosweinen. Das ist ja peinlich. Ich wippe von einem Fuß auf den anderen und bin hin- und hergerissen zwischen Loslassen und Beherrschen. Um Uli nochmal ein offenes Gesicht zu zeigen, finde ich auch, dass eine Sonnenbrille unangebracht ist. 

Mir schießen die Gefühle durch sämtliche Gliedmaßen. Der Trauerredner macht seine Sache sehr gut, und die Beschreibung von Ulis Leben, von dem ich nur ein ganz kleiner Teil war, ruft schöne Erinnerungen wach. Ich habe ihn nie im Job kennengelernt, sondern nur privat und auf dem Golfplatz. Die leider recht wenige Zeit, die wir miteinander verbracht haben, hat uns beiden allerdings richtig viel Spaß gebracht. Und es war immer ein Highlight, mit ihm zu telefonieren. Der Schlagabtausch und die kleinen aber feinen „Frotzeleien“ zwischen uns waren herrlich – ich werde sie vermissen.

Mit „Hells Bells“ von AC/DC geht die Trauerfeier an der Kapelle zu Ende. Hells Bells und Hallelujah. Passt zu dir. 

Wir schließen uns dem Trott der Gemeinde in Richtung Grab an und folgen dem Weg der Urne. Hier am Grab wird es noch einmal herzzerreißend emotional. Aber meine Beherrschung sitzt jetzt so tief drin, dass ich immer noch nicht loslassen kann.

Nach dem Urnengang geht’s zum Tröster in eine (bzw. in deine) alte Raucherkneipe.

Obwohl ich schon so lange nicht mehr geraucht habe, rauche ich eine letzte Zigarette mit dir. Sie schmeckt mir überhaupt nicht. Egal. Ich schaue dem blauen Dunst hinterher und proste dir zu.

Ich freue mich sehr darüber, deine Tochter, deine Söhne, deinen Bruder und so viele Leute, die dich mochten, kennengelernt zu haben. Der positive Aspekt so einer Trauerfeier ist, dass man alte Bekannte wiedersieht und neue Menschen kennenlernt.

Hier beim Schreiben stehst du neben mir – nun ja – zumindest die Trauerkarte. Dein Foto und dein Logo lächeln mich an. Uns verbinden die Farben. Gelb, rot, blau.

Und jetzt beim Schreiben, jetzt verliere ich alle Beherrschung.

„Heul doch“ hättest du gesagt. 

Ja, tue ich…

One Comment

  • Frank Baier

    Lieber Claus

    Deine Erinnerung an Deinen guten Freund und meinen Bruder hier festgehalten zu lesen – ist sehr schön.
    Habe es ein paar mal schon gelesen -> Du hast die Worte gut gewählt. Hätte Uli sicher gut gefallen!
    Und dass Dir die Kippe nicht schmeckt , das gefällt mir als Nichtraucher natürlich auch.
    Trotzdem ein schönes Zeichen, dem Dunst nachzuschauen…

    Lieben Dank und herzliche Grüße nach HH

    Frank

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